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Das Phänomen der "parasozialen Trauer": Wieso trauern wir um Stars, die wir gar nicht kannten?

Wenn ein Star stirbt, bewegt sein Tod oft viele Menschen, die ihn nie persönlich kannten. Aber wieso ist das so? GALA erklärt das Phänomen der “parasozialen Trauer“. 

Man schlägt die Zeitung auf oder surft im Internet und plötzlich liest man die Todesmeldung von einer prominenten Person. Es wurde nie auch nur ein einziges Wort mit ihr oder ihm gewechselt, man hat ihn oder sie schlichtweg nicht persönlich gekannt, doch trotzdem ist sie da: die tiefe Trauer. 

Die eigene Welt steht für ein paar Sekunden still, weil die Nachricht vom Tod dieses Stars erstmal sacken und man die Hiobsbotschaft erstmal verdauen muss. Und dann ist da dieser Kloß, der im Hals immer größer wird, weil man diesen besonderen Menschen verloren hat.  

Der Verlust von Queen Elizabeth (†)

Müsste ich eine bekannte Persönlichkeit auswählen, die wir in den vergangenen Jahren verloren und um die wir als Redaktion kollektiv stark getrauert haben, fällt mir sofort der Tod von Queen Elizabeth, †96, am 8. September 2022 ein. Ein Verlust, der viele Menschen weltweit bewegte. Eine Jahrhundert-Monarchin, die uns alle prägte und deren Tod uns die Tränen in die Augen trieb. 

Doch es ist ganz egal, wie berühmt der Prominente gewesen ist, es ist die persönliche Bindung zu dem Star – auch wenn sie nur einseitig bestand.  

Die große Trauer um James van der Beek (†)

Mir selbst ging der Tod von James van der Beek, †48, unglaublich nahe und noch heute schießen mir die Tränen in die Augen, wenn ich die ersten Töne von dem Lied “I Don’t Want to Wait” von Paula Cole, 58, dem Titelsong von “Dawson’s Creek”, höre. James van der Beek begleitete mich in seiner Rolle als Dawson meine Jugend über. Die Protagonist:innen zeigten mir, dass man sich als Teenager auch eloquent ausdrücken und seine vielschichtigen Emotionen klug in Worte fassen kann. 

Auch im Erwachsenenalter bin ich James van der Beek treu geblieben. Nicht mehr als Teenie-Fan, sondern als mittlerweile selbst erwachsene Frau und Mutter, die einen sechsfachen, engagierten und klugen Familienvater und Ehemann aus der Ferne bewunderte. Als der beliebte Schauspieler dann seine Darmkrebserkrankung im November 2024 öffentlich machte, war ich mehr als betroffen. Als im Februar 2026 dann in einem herzzerreißenden Instagram-Posting sein Tod verkündet wurde, musste ich ehrlich gesagt viele Tränen verdrücken. Viel zu früh musste der 48-jährige Familienvater die Augen für immer schließen. Viel zu früh mussten sich seine Ehefrau Kimberly und ihre sechs gemeinsamen Kinder, darunter Kleinkinder, von ihrem Mann und Papa verabschieden. Ein tragischer Verlust für die Familie – doch was bilde ich mir ein, um James van der Beek zu trauern, wenn er für mich persönlich doch eigentlich ein Fremder war? 

Darf man um einen Star trauern? JA!

Für Gefühle sollte man sich nicht schämen oder entschuldigen müssen, doch ich kann mir nicht helfen: Mir ist meine Trauer regelrecht unangenehm. Spinne ich jetzt völlig? Übertreibe ich es als Promi-Redakteurin komplett in meinem Beruf oder bin ich als Mensch vielleicht zu empathisch oder emotional, dass ich mich in das Leben von Promis reinsteigere? Auf all diese Fragen lautet die Antwort in Kurzform: Nein, nein und nein. 

Als Mensch, der sich durchaus mit Verlusten von engsten Familienmitgliedern auskennt, weiß ich sehr wohl, dass meine Trauer eine andere ist als die von beispielsweise James van der Beeks’ Ehefrau Kimberly Brook, 44. Mir ist klar, dass ihr Verlust um ihren Mann viel schwerer wiegt, einschneidender und lebensverändernder ist als meine Trauer um ihn. Aber wir befinden uns hier schließlich nicht bei einem Trauer-Wettkampf und auch meine Emotionen dürfen gefühlt werden und haben ihre Berechtigung, denn mit dem Tod von James van der Beek habe ich persönlich auch ein kleines Stückchen von mir selbst verloren. 

Ausnahme-Künstler Michael Jackson (†) hatte viele treue Anhänger, die ihn und seine Musik liebten. Sein Tod bewegte die Fans weltweit und sorgte für eine Welle der Trauer.
© Michal Czerwonka

Das Phänomen der “parasozialen Trauer”

Ausführlich gesprochen: Ich bin in meiner Trauer nicht alleine und sie hat sogar in der Psychologie einen konkreten Namen. Es handelt sich um das Phänomen der “parasozialen Trauer” und bezeichnet einen Schmerz und die Trauergefühle, die Menschen empfinden, wenn ein Star, ein Medienakteur oder eine fiktive Figur stirbt, zu der man eine einseitige, medienvermittelte Beziehung aufgebaut hatte. Obwohl also kein persönlicher Kontakt bestand, fühlt sich die Beziehung für den Fan real an, weshalb der Verlust tiefe Emotionen auslösen kann – und auch darf! 

“Wir verbinden Erlebnisse aus unserer eigenen Biografie mit der Präsenz der Berühmtheit.”

Um die ganze Thematik noch tiefer zu beleuchten, habe ich mit der Theologin und Trauerbegleiterin Barbara Schleuniger gesprochen. Sie hilft und begleitet Menschen in ihrer Trauer – mit viel Empathie und einem feinen Gespür für alle Emotionen. Auf die Frage, wieso wir um einen uns unbekannten Promi trotzdem manchmal trauern wie um eine nahestehende Person, sagte sie: “Wir verbinden Erlebnisse aus unserer eigenen Biografie mit der Präsenz der Berühmtheit. Erinnerungen an glückliche Momente, Tage und Lebensabschnitte tauchen in unserem Bewusstsein wieder auf. Wir erinnern uns an die erste Liebe, mit der wir den Film mit dieser Schauspielerin im Kino gesehen haben. Wir erinnern uns an eine Geburtstagsparty, bei der wir bis in die Morgenstunden zur Musik dieses Sängers getanzt haben.”

Wir werden mit unserer eigenen Vergänglichkeit konfrontiert – was die großen Fragen des Lebens auftauchen lässt, wie zum Beispiel: Bin ich die geworden, die ich immer sein wollte? Was habe ich (bis jetzt) erreicht? Bin ich mit dem Erreichten glücklich? Habe ich Träume verwirklicht und was steht noch auf meiner Bucket List?

Weiter erklärt Schleuniger dazu: “Je nachdem, welches Modell wir vom Leben und Tod haben und je nachdem, wie unser Fazit aussieht, werden wir Wehmut, Angst oder Trauer verspüren.” Weiter erläutert sie:

Mit dem Tod eines Idols verabschiedet sich ein Lebensabschnitt.

Idole sind fehlerfreie, idealisierte Superheld:innen

Doch stellen wir unsere Idole natürlich auf ein Podest – schließlich kennen wir sie als Privatpersonen nicht. “Idole sind fehlerfreie, idealisierte Superheld:innen, die den Realitätstest vielleicht nicht bestehen würden. Wir wissen beispielsweise nicht, wie die Person riecht oder wie sie sich in Konfliktsituationen verhält, welche Geräusche sie beim Essen macht oder ob sie so intelligente und amüsante Konversationen führt, wie wir es ihr zuschreiben”, so Barbara Schleuniger. “Wenn nun eine idealisierte Person stirbt, verlieren wir jemanden, mit dem unser reales Umfeld (Freund:innen, Partner:innen, Familie) nicht mithalten kann. Es stirbt eine wunderbare Fantasie, manchmal ein Fluchtort. Das kann schmerzhaft sein.” 

Und die Trauer sollte man auch ernst nehmen, wenn man merkt, dass der Tod des Idols tiefe Ängste und unverarbeitete Trauer und Verluste hervorruft. “Wir Menschen sind sehr komplex. Wenn wir unseren unsterblichen Helden aus Kinofilmen verlieren, dann kann uns das beispielsweise mit dem Verlust des eigenen Vaters konfrontieren. Ist dieser Trauerschmerz noch nicht ganz abgeflossen, können alte Wunden aufplatzen. Mit dem Vorbild kann ein Safespace sterben, den wir früher oder auch aktuell nutzten, um vor unserem harten Alltag zu flüchten.”

Schlussendlich lässt sich sagen, dass Trauer immer legitim sein sollte. Man sollte sich den nötigen Raum geben, um sie zu spüren – ganz egal, ob wir unseren Hamster, einen Angehörigen oder eine uns fremde Schauspielerin betrauern. “Wir werden etwas über uns lernen. Vielleicht begegnen wir dabei einer tiefen Angst. Die Angst darf gesehen und durchfühlt werden, weil sie sich sonst spätestens bei unserem eigenen Sterbeprozess zeigen wird. Wir üben am Tod anderer den Umgang mit unserer eigenen Vergänglichkeit.”

Und die eigene Vergänglichkeit sollte kein Tabuthema sein – schließlich betrifft es uns ausnahmslos alle. 

Quelle: Gala

AbdulaBuliSkenderi

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