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Gerhard Schröder (81) war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Seit seinem Ausscheiden aus der Politik pflegt er eine enge Freundschaft mit Wladimir Putin und war bis 2022 in leitenden Positionen bei russischen Staatskonzernen wie Nord Stream und Rosneft tätig. Seine Russland-Nähe führte zum Verlust von Privilegien, Ehrentiteln und einem gescheiterten SPD-Parteiausschlussverfahren.
Gerhard Schröder und Russland – diese Verbindung sorgt seit Jahren für heftige Debatten in Deutschland. Am 23. Januar 2026 meldete sich der 81-jährige Altkanzler erneut mit einem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung zu Wort. Seine Forderung: Deutschland solle Russland nicht “dämonisieren” und wieder Energie aus dem Land beziehen.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Estlands Außenminister Margus Tsahkna nannte Schröders Äußerungen einen “heimtückischen Versuch”, Europa zu spalten. Doch wie kam es überhaupt zu dieser umstrittenen Beziehung zwischen dem ehemaligen deutschen Regierungschef und dem Kreml?
In seinem Gastbeitrag für die Berliner Zeitung vom 23. Januar 2026 bezeichnet Schröder den russischen Angriffskrieg in der Ukraine zwar als völkerrechtswidrig. Gleichzeitig warnt er jedoch vor einer “Dämonisierung” Russlands als “ewiger Feind”.
Schröder schreibt: “Russland, das ist nicht das Land der Barbaren, sondern ein Land mit einer großen Kultur und vielfältigen historischen Verbindungen zu Deutschland.” Deutschland und Europa bräuchten in erster Linie “Friedensfähigkeit”, nicht militärische “Fähigkeiten”.
Der Altkanzler plädiert für die Wiederaufnahme von Energielieferungen aus Russland. Er hält es weiterhin für richtig, was er in seiner Zeit als Bundeskanzler vorangetrieben hat: den Import preiswerter Energie aus Russland. Zudem kritisiert er die EU-Politik scharf – Washington und Moskau verhandelten über den Kopf der EU hinweg über die Zukunft der Ukraine, “aber wir die Kosten des Krieges bezahlen sollen”.
Die Reaktion aus dem Baltikum kam prompt. Estlands Außenminister Margus Tsahkna schrieb auf der Plattform X: Aufrufe, ein Land nicht zu dämonisieren, das den brutalsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg führt, seien “schlichtweg entsetzlich”.
In einer weiteren Mitteilung seines Ministeriums bezeichnete Tsahkna die Äußerungen des Altkanzlers als “heimtückischen Versuch”, Europa zu spalten. Damit solle es vom aktuellen Kurs des Drucks auf Russland abgebracht und zu alten Fehlern zurückgeführt werden.
Die Beziehung zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin reicht bis in die frühen 2000er Jahre zurück. Beide Männer lernten sich kurz nach Putins Amtsantritt als russischer Präsident im Jahr 2000 kennen.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 2001 | Schröder und Putin gründen gemeinsam den “Petersburger Dialog” |
| 2004 | Schröder bezeichnet Putin als “lupenreinen Demokraten” |
| 2005 | Nord Stream Pipeline-Vertrag unterzeichnet, kurz vor Schröders Amtsende |
| 2005 | Wechsel zu Nord Stream AG als Aufsichtsratsvorsitzender |
| 2014 | 70. Geburtstag in St. Petersburg – Putin ist Gast |
| 2017 | Aufsichtsratsvorsitz bei Rosneft auf Vorschlag der russischen Regierung |
| 2018 | Gratulation an Putin zur vierten Amtszeit – persönlich in Moskau |
| 2022 | Vermittlungsversuch in Moskau nach Kriegsbeginn |
Der Petersburger Dialog, den beide 2001 ins Leben riefen, diente als Plattform für Treffen zwischen Vertretern russischer und deutscher Wirtschaftsinteressen sowie deutschen Politikern. Kritiker bezeichneten das Forum als Instrument für russischen Lobbyismus in Deutschland.
Wenige Wochen nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt im November 2005 wurde bekannt, dass Schröder den Vorsitz des Aktionärsausschusses bei der Nord Stream AG übernimmt. Diese Gesellschaft ist zu 51 Prozent im Besitz des russischen Staatskonzerns Gazprom und betreibt die Ostsee-Pipeline.
| Position | Zeitraum | Geschätztes Jahresgehalt |
|---|---|---|
| Nord Stream AG – Gesellschafterausschuss | 2005 – heute | ca. 250.000 € |
| Nord Stream 2 AG – Verwaltungsrat | 2016 – 2022 | nicht öffentlich bekannt |
| Rosneft – Aufsichtsratsvorsitz | 2017 – Mai 2022 | ca. 600.000 € |
Besonders der Wechsel nur wenige Wochen nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt sorgte für massive Kritik. Schröder hatte das Nord Stream-Projekt noch als Regierungschef vorangetrieben und den Vertrag im September 2005 mit Putin unterzeichnet. Der Begriff “Gazprom-Gerd” wurde zum Spitznamen des Altkanzlers.
Im November 2025 berichtete das Recherche-Netzwerk Correctiv über einen brisanten Fund: 178 Aktenordner mit amtlichen Unterlagen aus Schröders Amtszeit als Bundeskanzler lagerten jahrelang in seinem Altkanzler-Büro – darunter 86 Terminakten des Kanzlers und Gesprächsvermerke.
Die Dokumente könnten Auskunft geben über das Verhältnis zwischen Schröder und Putin – und über die Frage, wie sich Deutschland in eine gefährliche energiepolitische Abhängigkeit von Russland begab. Schröder ließ die Akten später in die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung verbringen.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hagelte es Kritik auf den Altkanzler ein. Anders als von vielen gefordert, distanzierte sich Schröder nicht klar von Putin und behielt zunächst seine Posten bei den russischen Konzernen.
17 SPD-Gliederungen aus ganz Deutschland stellten Anträge auf Parteiausschluss des Altkanzlers. Den Anfang machte der Kreisverband Heidelberg am 1. März 2022. Die Vorwürfe: Verharmlosung des Angriffskrieges, Freundschaft zu Putin und die Posten in russischen Staatsunternehmen.
Am 14. Juli 2022 eröffnete die zuständige Schiedskommission des SPD-Unterbezirks Hannover die Verhandlung. Schröder selbst ignorierte das Verfahren – er war nach eigenen Angaben im Urlaub und schickte weder einen Anwalt noch eine schriftliche Stellungnahme.
Das Ergebnis: Die Schiedskommission lehnte den Parteiausschluss ab. Schröder habe mit seinem Engagement für russische Staatskonzerne nicht gegen die Parteiordnung der SPD verstoßen. Am 15. Mai 2023 bestätigte auch die Bundesschiedskommission in dritter und letzter Instanz Schröders Verbleib in der Partei.
Im März 2022 reiste Schröder nach Moskau, um mit Putin über ein Ende des Krieges zu verhandeln. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk erklärte die Vermittlungsbemühungen des Altkanzlers jedoch für gescheitert.
Schröder selbst äußerte sich nach dem Treffen kaum öffentlich. Kritiker warfen ihm vor, sich als Vermittler anzubieten, während er gleichzeitig von russischen Konzernen bezahlt werde.
Schätzungen zufolge erhielt Schröder etwa 600.000 Euro jährlich von Rosneft und rund 250.000 Euro von Nord Stream – insgesamt also etwa 850.000 Euro pro Jahr. Offizielle Zahlen gibt es nicht.
Die SPD-Schiedskommission entschied, dass Schröder mit seinen Tätigkeiten für russische Konzerne nicht gegen die Parteiordnung verstoßen hat. Ein Verstoß gegen Grundsätze und Ordnung der Partei konnte ihm nicht nachgewiesen werden.
Ja, Schröder ist weiterhin Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Nord Stream AG. Seinen Posten bei Rosneft hat er im Mai 2022 aufgegeben, ebenso wie die Position bei Nord Stream 2.
Ja, sein Ruhegehalt als ehemaliger Bundeskanzler und seinen Anspruch auf Personenschutz hat Schröder weiterhin. Nur die Finanzierung seines Büros und seiner Mitarbeiter wurde vom Bundestag gestrichen.
In seinem Gastbeitrag vom Januar 2026 bezeichnet Schröder den Krieg als “völkerrechtswidrig” und “Verletzung der Menschenrechte”. Gleichzeitig warnt er vor einer “Dämonisierung” Russlands und fordert neue Energiekooperationen mit Moskau.
Gerhard Schröder und Russland – diese Verbindung prägt das Bild des Altkanzlers seit fast 20 Jahren. Während Unterstützer auf seine Verdienste als Reformkanzler (Agenda 2010) verweisen, sehen Kritiker in ihm einen Lobbyisten, der deutsche Interessen an Moskau verkauft hat.
Sein aktueller Gastbeitrag zeigt: Der 81-Jährige denkt nicht daran, seine Position zu ändern. Die scharfe Kritik aus dem Baltikum macht deutlich, wie tief die Gräben in Europa sind – und wie sehr Schröders Äußerungen auch heute noch polarisieren.
📌 Autor-Info: Dieser Artikel basiert auf offiziellen Quellen, darunter Berichte der Berliner Zeitung, des Handelsblatt, der taz sowie Recherchen von Correctiv. Stand: 26. Januar 2026.
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