Nearshoring statt China: Warum deutsche Industrieunternehmen ihre Lieferketten gerade umbauen
Die Ära der grenzenlosen Globalisierung ist vorbei. Was jahrzehntelang als Erfolgsmodell galt – Produktion dorthin verlagern, wo es am günstigsten ist – gerät zunehmend unter Druck. Pandemie, Ukrainekrieg, US-Zölle und wachsende Abhängigkeiten von China haben die Verwundbarkeit globaler Lieferketten schonungslos offengelegt. Die Reaktion der deutschen Industrie: ein massiver Umbau in Richtung Nearshoring. Doch der Weg dorthin ist komplexer, als viele Entscheider zunächst erwarten.
Die Ausgangslage: Lieferketten unter Dauerstress
Laut dem reichelt-Lieferkettenreport 2025, für den 500 deutsche Industrieunternehmen befragt wurden, berichten 83 Prozent der Unternehmen, dass Lieferkettenengpässe ihren Betrieb weiterhin beeinträchtigen. Ein Drittel davon spricht sogar von starken Beeinträchtigungen. Besonders kritisch: 44 Prozent melden Probleme bei der Beschaffung von Halbleitern. Ein Anstieg von 14 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr.
Gleichzeitig kämpfen 79 Prozent der Unternehmen mit massiven Preisanstiegen bei kritischen Komponenten. Zum Vergleich: 2024 waren es noch 58 Prozent. Der Druck wächst und er zwingt Unternehmen zum Handeln. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Viele Unternehmen haben über Jahre hinweg ihre Lieferketten auf maximale Effizienz getrimmt, auf Kosten von Redundanz und Resilienz. Just-in-time-Produktion funktioniert nur, solange alle Glieder der Kette reibungslos funktionieren. Sobald ein einziges Glied bricht, steht die gesamte Produktion still.
Was ist Nearshoring und warum jetzt?
Nearshoring bezeichnet die Verlagerung von Produktionsschritten oder Lieferketten in geografisch nahe Länder, etwa von Deutschland nach Polen, Tschechien, der Slowakei oder Rumänien. Es ist der strategische Mittelweg zwischen kostspieligem Reshoring (vollständige Rückverlagerung ins Inland) und dem risikobehafteten Offshoring nach Fernost.
Bereits 2020 zeigte eine Euler-Hermes-Studie, dass 44 Prozent der deutschen Unternehmen, die eine Produktionsverlagerung erwogen, Nearshoring bevorzugten. Deutlich mehr als der internationale Durchschnitt von 30 Prozent. Seitdem hat sich dieser Trend erheblich beschleunigt.
Laut dem ABB Supply Chain Survey 2025 planen 86 Prozent der befragten deutschen Unternehmen Reshoring oder Nearshoring-Maßnahmen, um ihre Lieferketten widerstandsfähiger zu machen. Ein historischer Wert und ein klares Signal, dass es sich hier nicht um einen kurzfristigen Reflex handelt, sondern um eine strategische Neuausrichtung mit langfristiger Perspektive.
Der Treiber: Geopolitik verdrängt den Kostenfokus
„Lieferketten sind heute strategischer Standortfaktor, nicht nur Kostenfaktor”, sagt Cedric von der Hellen, Senior Referent Außenwirtschaftspolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), im Kloepfel Magazin. „Unternehmen, die auf Nearshoring, KI-gestützte Planung, Multisourcing und lokale Redundanzen setzen, können wettbewerbsfähiger werden.”
Der Deloitte/BDI Supply Chain Pulse Check 2025 bestätigt: 92 Prozent der deutschen Industrieunternehmen mussten 2025 höhere Ausgaben für Resilienz einplanen. Gleichzeitig gehen 42 Prozent davon aus, dass das Ausfallrisiko ihrer Lieferkette weiter steigt. Besonders alarmierend: Über die Hälfte der befragten Unternehmen bewertet die Standortattraktivität Deutschlands als rückläufig.
Die geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China, der anhaltende Krieg in der Ukraine sowie neue Sanktionsregime haben die Risikolandschaft fundamental verändert. Unternehmen, die früher auf Single-Sourcing aus Fernost setzten, stehen heute vor der Frage: Wie viel Abhängigkeit können wir uns noch leisten? Die Antwort lautet zunehmend: keine.
Wohin verlagert die deutsche Industrie?
Die bevorzugten Nearshoring-Ziele sind eindeutig europäisch. Laut reichelt-Lieferkettenreport haben 43 Prozent der deutschen Unternehmen in den letzten zwölf Monaten neue Handelsbeziehungen mit Partnern aus Nord-, West- oder Mitteleuropa aufgebaut. Weitere 42 Prozent planen dies für Ost- und Südeuropa.
Besonders aktiv sind laut BDI der Maschinenbau, die Automobilindustrie sowie die Elektronik- und Technologiebranche. Dabei verschiebt sich der Fokus: Während früher vor allem die Bauteilfertigung verlagert wurde, stehen heute laut Pulse Check Vormontage (47 Prozent) und Endmontage (41 Prozent) im Vordergrund.
Polen, Tschechien und Rumänien profitieren besonders stark von diesem Trend. Diese Länder bieten eine Kombination aus qualifizierten Arbeitskräften, vergleichsweise niedrigen Lohnkosten, guter Infrastruktur und EU-Mitgliedschaft und damit Rechtssicherheit sowie Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Für viele deutsche Mittelständler sind sie die erste Wahl, wenn es darum geht, Lieferketten zu verkürzen, ohne die Qualitätsstandards zu kompromittieren.
Markteintrittsbarrieren als unterschätztes Hindernis
Wer Nearshoring strategisch angeht, stößt schnell auf ein oft unterschätztes Problem: Markteintrittsbarrieren in den Zielländern. Unterschiedliche Normen, Zulassungsvorschriften, Arbeitsrechtssysteme und bürokratische Anforderungen erhöhen die Einstiegskosten erheblich. Laut einer IWF-Analyse aus 2025 entsprechen die internen Handelsbarrieren im EU-Binnenmarkt im Güterbereich einem durchschnittlichen Kostenäquivalent von rund 44 Prozent. Ein enormer versteckter Aufwand, der Nearshoring-Projekte verlangsamen oder verteuern kann.
Hinzu kommen Markteintrittsbarrieren auf der Beschaffungsseite: Lokale Lieferanten in Nearshoring-Ländern verfügen oft nicht über die Qualitätsstandards, Kapazitäten oder Zertifizierungen, die deutsche Industrieunternehmen voraussetzen. Der Aufbau neuer Lieferantenbeziehungen ist zeitintensiv und erfordert erhebliche Vorabinvestitionen in Qualifizierung, Audits und Prozessintegration. Unternehmen, die diesen Aufwand unterschätzen, riskieren, von einem Abhängigkeitsproblem ins nächste zu stolpern.
Die Kosten des Umbaus und warum er sich trotzdem lohnt
„Eine Verkürzung der Lieferketten kann zwar einerseits Widerstandsfähigkeit schaffen, ist andererseits aber mit hohen Logistik- und Arbeitskosten verbunden”, warnte bereits George Dib, Volkswirt bei Euler Hermes, in seiner Analyse. Dennoch überwiegen für viele Unternehmen die Vorteile: kürzere Transportwege, geringere Abhängigkeit von geopolitischen Risikozonen und bessere Planbarkeit.
Laut Pulse Check planen bereits fast 50 Prozent der deutschen Industrieunternehmen den Aufbau multipler Lieferketten und Multisourcing-Strategien. Weitere 47 Prozent wollen verstärkt in Wiederverwertung und Recycling investieren, um Rohstoffabhängigkeiten, insbesondere von China bei seltenen Erden und Halbleitern zu reduzieren.
Hinzu kommt ein oft übersehener Vorteil: Nearshoring verbessert die Reaktionsfähigkeit. Kürzere Transportwege bedeuten kürzere Lieferzeiten, was besonders in volatilen Märkten ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist. Unternehmen, die schneller auf Nachfrageschwankungen reagieren können, sichern sich Marktanteile, gerade in Branchen wie dem Maschinenbau, wo Liefertreue ein zentrales Kaufkriterium ist.
Darüber hinaus gewinnt das Thema Nachhaltigkeit an Bedeutung. Kürzere Transportwege reduzieren den CO₂-Fußabdruck der Lieferkette. Ein Argument, das angesichts wachsender ESG-Anforderungen und des EU-Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes zunehmend auch betriebswirtschaftlich relevant wird.
Ausblick: Europa als neue Lieferkettendrehscheibe
Der Deloitte Supply Chain Pulse Check 2026 zeichnet ein klares Bild: Die deutschen Industrieexporte wachsen in den nächsten zehn Jahren nur halb so stark wie in der vergangenen Dekade. Gleichzeitig bieten neue Freihandelsabkommen mit Indonesien, Indien, Brasilien und Australien neue Diversifizierungsmöglichkeiten jenseits von China und den USA.
Für den Standort Deutschland bedeutet das: Nearshoring ist kein kurzfristiger Trend, sondern eine strukturelle Neuausrichtung. Unternehmen, die jetzt in resiliente, europanahe Lieferketten investieren, sichern sich langfristige Wettbewerbsvorteile. Entscheidend wird dabei sein, wie schnell es gelingt, belastbare Lieferantennetzwerke in den Nearshoring-Ländern aufzubauen und wie gut Unternehmen die regulatorischen und kulturellen Unterschiede managen.
Die Botschaft ist klar: Wer heute noch ausschließlich auf Fernost setzt, spielt mit dem Feuer. Die deutschen Industrieunternehmen haben das erkannt und handeln.
