Wenn in einer Partnerschaft alles stimmt – nur der Sex nicht –, ist das selten ein Zeichen erloschener Liebe. Wer solche Situationen richtig deuten will, muss zuerst Emotionen einordnen: Hinter sexueller Unlust stecken meist Stress, unausgesprochene Kränkungen oder schlicht zwei unterschiedliche Lust-Typen. Die gute Nachricht: Das Problem ist weit verbreitet, gut erforscht – und in den meisten Fällen lösbar, wenn beide offen darüber sprechen.
Emotionen einordnen mit Dr. Peirano: In meiner Beziehung läuft es super – nur Sex will sie

- Laut GeSiD-Studie (UKE/BZgA, veröffentlicht 2020) haben die meisten Deutschen vier- bis fünfmal pro Monat Sex – mit riesiger Streuung nach Alter und Lebensphase.
- Unlust zählt zu den häufigsten sexuellen Problemen in Partnerschaften – bei Frauen wie Männern.
- Ablehnung im Bett bedeutet fast nie Ablehnung der Person – dahinter stehen oft Erschöpfung, Druck oder alte Verletzungen.
- Der wichtigste Schritt: das Thema in einem ruhigen Moment ansprechen – außerhalb des Schlafzimmers, ohne Vorwurf.
- Bewegt sich über Monate nichts, helfen ärztliche Abklärung, Sexualberatung (z. B. pro familia) oder Paartherapie.
Viel Romantik, aber kein Sex – was steckt hinter dem Fall?
Der Fall stammt aus der Stern-Kolumne „Die geheime Sprache der Liebe»: Nach seiner Scheidung hat Jonas mit Marie eine neue Partnerin gefunden. Die Beziehung ist liebevoll und romantisch – nur im Bett passiert nichts. Dieses Muster kennen Paarberatende aus tausenden Gesprächen: Zwei Menschen, die sich mögen, und ein Schlafzimmer, in dem Funkstille herrscht. Kein Einzelfall.
Hinter der Kolumne steht Dr. Julia Peirano, promovierte Psychologin und Verhaltenstherapeutin aus Hamburg. Seit Januar 2014 beantwortet sie bei stern.de wöchentlich Leserfragen zu Liebe und Partnerschaft – von Bindungsangst bis Untreue. Jonas konfrontiert sie in ihrer Antwort mit einer unbequemen Wahrheit; die vollständige Kolumne lesen Sie im Original bei stern.de. Hier ordnen wir ein, was hinter solchen Konstellationen steckt – und was Betroffene konkret tun können.
Ausgangslagen wie die von Jonas sind verbreitet: In Deutschland wird gut jede dritte Ehe geschieden (Statistisches Bundesamt). Viele Menschen starten in der Lebensmitte neu – mit Hoffnungen, aber auch mit Verletzungen aus der alten Beziehung im Gepäck. Genau diese unsichtbaren Altlasten spielen im Schlafzimmer oft die Hauptrolle.
Warum will die Partnerin keinen Sex, obwohl die Beziehung gut läuft?
Sexuelle Unlust in einer harmonischen Beziehung hat meist konkrete, benennbare Ursachen: Dauerstress und Erschöpfung, hormonelle Veränderungen, Nebenwirkungen von Medikamenten wie Antidepressiva, unausgesprochene Kränkungen – oder schlicht zwei unterschiedliche Lust-Typen. Mit fehlender Liebe hat das in den seltensten Fällen zu tun.
Ein Schlüsselkonzept ist die sogenannte responsive Lust, die die kanadische Forscherin Rosemary Basson um das Jahr 2000 beschrieben hat: Viele Menschen – häufiger, aber nicht nur Frauen – empfinden sexuelles Verlangen nicht spontan, sondern erst, wenn Nähe und Entspannung bereits da sind. Wer auf den „Blitz aus heiterem Himmel» wartet, wartet bei diesem Lust-Typ vergeblich.
Dazu kommt der Druck. Je stärker Sex zum Prüfstein der Beziehung wird, desto zuverlässiger blockiert er. Aus einer offenen Frage („Wie geht es uns?») wird ein Leistungstest – und Leistungsdruck ist das sicherste Anti-Aphrodisiakum, das die Sexualforschung kennt.
Wie können Sie Emotionen einordnen, statt die Ablehnung persönlich zu nehmen?
Emotionen einordnen heißt: das eigene Gefühl vom Verhalten des Gegenübers trennen. Wer sexuell zurückgewiesen wird, empfindet oft Scham, Kränkung oder Wut – und deutet die Absage als Urteil über die eigene Person. Diese Deutung ist verständlich, aber fast immer falsch: Abgelehnt wird eine Situation, nicht der Mensch.
Drei Schritte helfen dabei. Erstens: das Gefühl benennen, statt es zu schlucken („Ich fühle mich zurückgewiesen»). Zweitens: die eigene Deutung prüfen – gibt es Belege, dass die Zuneigung fehlt, oder nur für Müdigkeit und Stress? Drittens: das Bedürfnis dahinter formulieren, etwa nach Nähe, Bestätigung oder Begehrt-Werden. Klingt banal. Verändert aber die gesamte Gesprächsdynamik – weg vom Vorwurf, hin zum Wunsch.
Formulieren Sie Ich-Botschaften statt Du-Vorwürfe: „Ich vermisse unsere körperliche Nähe» öffnet ein Gespräch – „Du willst ja nie» beendet es. Und: Führen Sie dieses Gespräch nie direkt nach einer Zurückweisung, sondern in einem entspannten Moment.
Was sagt die Forschung zu Sex in Langzeitbeziehungen?
Die verlässlichsten deutschen Daten liefert die GeSiD-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland»: Zwischen Oktober 2018 und September 2019 wurden dafür 4.955 Erwachsene zwischen 18 und 75 Jahren befragt – die erste repräsentative Untersuchung dieser Art hierzulande, durchgeführt vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mit der BZgA. Ein zentrales Ergebnis laut UKE-Mitteilung von 2020: Die meisten Deutschen haben vier- bis fünfmal pro Monat Geschlechtsverkehr – wobei die Spanne enorm ist und die Häufigkeit mit dem Alter deutlich sinkt.
Und ab wann gilt eine Beziehung als „sexlos»? Die US-Soziologin Denise Donnelly setzt in ihrer Forschung die Grenze bei weniger als zehnmal Sex pro Jahr. Wichtiger als jeder Grenzwert ist aber der Leidensdruck: Ein Paar, das einvernehmlich selten Sex hat, hat kein Problem. Ein Paar, bei dem einer leidet, hat eines – unabhängig von jeder Statistik.
Wie sprechen Sie das Thema an, ohne zu verletzen?
Das Gespräch über sexuelle Unlust gelingt, wenn es außerhalb des Schlafzimmers stattfindet, ohne Schuldzuweisung auskommt und auf Verstehen zielt statt auf Verhandeln. Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Stellschrauben:
| Stellschraube | Besser so | Lieber nicht |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | Ruhiger Moment, z. B. beim Spaziergang | Direkt nach einer Zurückweisung im Bett |
| Formulierung | „Ich vermisse unsere Nähe» | „Du willst ja nie» |
| Ziel | Verstehen, was den anderen bewegt | Eine Soll-Frequenz aushandeln |
| Tempo | Pausen und kleine Schritte akzeptieren | Ultimaten oder Fristen setzen |
Wann ist professionelle Hilfe sinnvoll?
Professionelle Hilfe lohnt sich, wenn Gespräche seit Monaten im Kreis laufen, das Thema die Beziehung spürbar belastet oder körperliche Ursachen im Raum stehen. Erste Anlaufstelle bei Verdacht auf körperliche Auslöser – Hormone, Medikamente, Erschöpfungszustände – ist die Hausarztpraxis. Für das Paar-Thema bietet pro familia bundesweit Sexual- und Paarberatung an, oft auch kurzfristig und unabhängig vom Einkommen.
Auch eine Paartherapie ist kein Eingeständnis des Scheiterns, sondern ein Werkzeug: Ein neutraler Dritter hilft, festgefahrene Muster zu erkennen und Gefühle auszusprechen, für die im Alltag die Worte fehlen. Das entlastet. Viele Paare berichten, dass allein der erste Termin den Druck aus dem Thema nimmt.
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Häufig gestellte Fragen
Ist es normal, dass in einer guten Beziehung der Sex einschläft?
Ja, Phasen mit wenig oder keinem Sex kommen in den meisten Langzeitbeziehungen vor. Laut GeSiD-Studie sinkt die Häufigkeit mit dem Alter deutlich – der Durchschnitt von vier- bis fünfmal pro Monat ist ein Mittelwert, kein Maßstab für Ihre Beziehung.
Bedeutet sexuelle Unlust, dass die Liebe weg ist?
Nein. Unlust hat meist andere Ursachen: Stress, Erschöpfung, hormonelle Veränderungen, Medikamente oder unausgesprochene Konflikte. Zuneigung und sexuelles Verlangen laufen über getrennte Kanäle – das eine kann fehlen, während das andere stabil bleibt.
Wie lange ohne Sex ist noch „normal»?
Einen allgemeingültigen Grenzwert gibt es nicht. Die Forschung – etwa bei der US-Soziologin Denise Donnelly – spricht ab weniger als zehnmal pro Jahr von einer „sexlosen» Beziehung. Entscheidend ist aber nicht die Zahl, sondern ob einer der Partner darunter leidet.
Was ist responsive Lust?
Responsive Lust beschreibt Verlangen, das nicht spontan entsteht, sondern als Reaktion auf Nähe, Berührung und Entspannung – ein Konzept der Forscherin Rosemary Basson. Menschen mit diesem Lust-Typ brauchen erst den Rahmen, dann kommt die Lust. Das ist keine Störung, sondern eine Variante.
Wer hilft bei sexueller Unlust in der Partnerschaft?
Bei möglichen körperlichen Ursachen zuerst die Hausarztpraxis. Für das Beziehungsthema: Sexualberatung bei pro familia oder eine Paartherapie. Geprüfte Beratungs- und Coaching-Anbieter aus Ihrer Region finden Sie auch im Branchenverzeichnis von Wer macht Was.
Fazit
Der Fall Jonas zeigt ein Muster, das unzählige Paare kennen: viel Liebe, wenig Sex – und zwei Menschen, die sich das nicht erklären können. Wer in dieser Lage zuerst Emotionen einordnen lernt, statt Schuldige zu suchen, hat den entscheidenden Schritt schon gemacht. Der zweite ist ein ehrliches Gespräch. Und wenn beides nicht reicht, ist Hilfe nur einen Anruf entfernt. Mehr Themen rund um Partnerschaft und Familie finden Sie laufend in unserem Ratgeber-Bereich.